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25.11.2020, 17:22



Propaganda, Rede- und Religionsfreiheit
#1
14.11.2020
HeavyMetalNeverDies! Offline
 
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Beiträge: 13.140
Registriert seit: 11. Mai 2012

Propaganda, Rede- und Religionsfreiheit
Nicht nur dass die Wahlen in Amerika nur eher knapp zu Bidens gunsten ausgingen (teilweise trennen sie nur ein paar zehntausend Stimmen), Trump konnte seit 2016 sogar noch zusätzliche Wähler dazugewinnen. Je nach Umfrage glauben 40% der Republikaner, oder 80% der Trump-Supporter nicht, dass Trump wirklich verloren hat / verlieren könnte und dass die Wahl manipuliert ist. Nicht ohne Grund, immerhin hat Trump schon Monate vor der Wahl damit begonnen die Legitimität von Briefwahlstimmen anzuzweifeln und behauptet dass er nur verlieren kann, wenn die Wahlen manipuliert sind.

Unter Trumps Anhänger finden sich vermehrt evangelikale Christen (SRF und Arte haben erst Dokus darüber gebracht), von denen viele tatsächlich daran glauben dass die Welt erst 6.000 Jahre alt ist und eben generell, dass die Bibel wörtlich genommen werden muss, weil sie sonst in die Hölle fahren. Wissenschaft und progressive Werte passen da eher schlecht ins Weltbild. So mancher behauptet sogar, dass ihnen Corona nichts anhaben kann, weil sie von Gott beschützt werden. Solche Teufelswerkzeuge wie Smartphones die von der gottlosen Wissenschaft geschaffen wurden, verwenden sie natürlich trotzdem. Von Schusswaffen ganz zu schweigen - nur so als Randbemerkung.

Nun nehmen Leute, die sich gänzlich von der Realität verabschiedet haben an demokratischen Wahlen teil. Das lässt einen Wundern; müssen wir einerseits Meinungs- und Redefreiheit, andererseits die freie Religionsausübung überdenken? Oder sollte man einen Eignungstest zur Teilnahme an Wahlen einführen? Offensichtlich ist globale Vernetzung und haufenweise Durchgeknallte, u.a. aber auch Algorithmen welche Meinungsblasen fördern ein ernst zu nehmendes Problem für die Demokratie und die Menschheit. Letztenendes werden wir Probleme wie Klimawandel, Umweltzerstörung, soziale Ungerechtigkeit, Krankheiten, Hunger usw. nicht wegbeten können, da braucht es pragmatische, realitätsnahe Lösungen.

Natürlich wäre sowas wie ein Wahrheitsministerium auch keine Lösung und eine politisch gesteuerte Meinungsäußerung hätte ihre ganz eigene Probleme, teils wie man sie in der DDR erlebte oder heutzutage in manch anderem Land noch erlebt. Also bräuchte es einen Mittelweg der verhindert, dass sich kompletter Bullshit in die Köpfe der Leute frisst, aber dennoch genügend Raum gibt, Regierungen und andere Autoritäten zu kritisieren und anzuprangern, sofern dieses gerechtfertigt ist. Nur, wie sieht dieser Mittelweg aus und vor allem; wie lässt es sich umsetzen, wenn weiterhin genau die Opfer breitgefächerter Desinformation den politischen Fortschritt verhindern? Und noch wichtiger; wie kann man die damit verbundenen Ängste abbauen und/oder, sich gegen die Außenwelt isolierenden Parallelgessellschaften entgegenwirken?

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#2
14.11.2020
Quantum Flux Offline
Great and Powerful
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Beiträge: 280
Registriert seit: 21. Dez 2018

RE: Propaganda, Rede- und Religionsfreiheit
Dieses Problem ist so alt wie die Menscheit selbst. Genau so wenig wie ein bisschen schwanger gibt es ein bisschen Warheit. Wenn ich Meinungsfreiheit habe, dann auch die Meinung von Bescheuerten. Meiner Ansicht nach ist der beste Weg gegen die oben aufgeführten Irrwege nur eins. Bildung, Bildung, Bildung. Eine Bildung die auf erwiesenen Tatsachen beruht und frei für alle ist. Eine Bildung die einen offenen Geist und einen unvoreingenommenen Blick auf neues wahrt.
Diejenigen, die sich bereits eine eigene Weltsicht angeeignet haben und gleichzeitig alles andere als Unsinn oder sogar Ketzerei abtun, sind natürlich nur schwer von anderen Argumenten zu überzeugen. Dies ist aber meiner Ansicht nach, nur ein Symptom für etwas anderes schwerwiegendes, was unter der Oberfläche gärt. So gesehen müßte jeder Mensch erstmal in eine Therapie, bevor er zur Schule geht. Wir müssen wieder mehr auf die Kinder zugehen und für sie dasein. Nicht mit Zeug überhäufen oder am Smartphone parken, um selber ungestört zu smartphonen oder von einem Förderunterricht zum nächsten schleifen. Nein, einfach für sie dasein. Ihnen die Gelegenheit geben die Welt zu erkunden, aber immer für sie da sein wenn sie uns brauchen. Sie gesund an Körper und Geist aufziehen.
Dann kann jeder verantwortungsbewußt mit freier Rede und Religion umgehen ohne anderen zu schaden.
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#3
14.11.2020
HeavyMetalNeverDies! Offline
 
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Beiträge: 13.140
Registriert seit: 11. Mai 2012

RE: Propaganda, Rede- und Religionsfreiheit
Ich glaube irgendwie nicht an die "gebildete Masse". Btw. ist "Darwin schlägt Kant" von Frank Urbaniok ein ziemlich lesenswertes Buch zu dem Thema. Er meint im großen und ganzen, dass Irrationalität sich evolutionär entwickelt hat, weil es in bestimmten Situationen durchaus Sinn macht irrational zu urteilen und zu handeln. Anders herum: In Deutschland gibt es zB. ein Verbot zum Verbreiten nationalsozialistischem Gedankengut, weil dieses Gedankengut historisch in die Katastrophe geführt hat. Ich denke es muss mehr Tabus geben, zB. dass man gänzlich unbewiesene Behauptungen verbreitet, so wie es zB. Trump macht. Man könnte einen Strafbestand für das nachweisliche Verbreiten von Desinformation einführen, so dass die Möglichkeit besteht Leute dafür zu belangen, dann steigt, denke ich die Hemmschwelle.

Im Falle der Kirche ist es jedoch schwieriger, weil sich bei Religion grundsätzlich nichts beweisen lässt. Da werden die Leute aber schon mal darauf eingestellt einem blinden Glauben zu folgen.

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#4
14.11.2020
Yavarin Offline
Silly Filly
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Beiträge: 75
Registriert seit: 07. Jan 2018

RE: Propaganda, Rede- und Religionsfreiheit
Ich glaube nichtmal das wir mehr Bildung brauchen, sondern einfach bessere/andere. Im Moment ist es doch fast nur auswendiglernen und eben nicht kritisches Denken. Die Schüler bekommen jahrelang Informationen vorgesetzt die sie eben nicht hinterfragen sollen oder müssen. Der Umgang mit Lügen ist nicht im Lehrplan.
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#5
15.11.2020
404compliant Offline
GalaCon Volunteer-Stratege Carrot Not Found
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Registriert seit: 23. Okt 2011

RE: Propaganda, Rede- und Religionsfreiheit
ich sehe hier auch eine tiefe Krise des Prinzips Demokratie. Die Demokratie, dass alle Macht vom Volke ausgeht, geht implizit davon aus, dass das Volk auch unabhängig und in der Lage ist, solche Machtbefugnisse korrekt einzusetzen. Andernfalls geht die Macht von dem aus, der das Volk kontrolliert.

Ich tendiere dazu, dem Prinzip der Gewaltenteilung (Gesetzgebung, Regierung, Rechtsprechung) zwei weitere Gewalten hinzuzufügen, die zum Schutze der Demokratie zu Neutralität und Unabhängigkeit verpflichtet sein müssten.

Die 4. Gewalt: Die Medien. Die Medien (und damit heutzutage auch das Internet und die sozialen Netzwerke) haben eine sehr große Macht, die Meinung des Volks zu manipulieren. Ohne Fox News hätte es keinen Trump gegeben. Und auch hierzulande glauben viel zu viele blind, was in der Bildzeitung steht. Das geht so weit, dass mittlerweile Wahrheit eine Frage des Standpunkts ist: Wenn die Medien sagen, Trump hat gewonnen, und dass das Ergebnis abweicht, liegt am Betrug der Demokraten, dann ist das für viele Amerikaner halt die Wahrheit, und alles andere ist die Lüge. Woher wissen wir, dass das nicht so ist? Die Medien haben es uns gesagt. Andere Medien halt. Ich kenne niemanden, der bei der Auszählung selbst dabei war, wir müssen uns da auf das Urteil von anderen verlassen. Und das geht nur, wenn die Medien neutral berichten.

Die 5. Gewalt: Bildung. Mehr denn je muss das Volk in der Lage sein, die Vorgänge in der Welt zu verstehen und einzuschätzen. Um windige Lügen zu erkennen und verschiedene Positionen abzuwägen, braucht es grundlegende Bildung. Andernfalls drohen die Leute in Aberglauben und Verschwörungstheorien abzudriften. Der Niedergang des Bildungssystems ist daher eine der Hauptbedrohungen der Demokratie, insbesondere weil das viele Jahrzehnte nachwirkt. Genauso wichtig auch hier wieder die Neutralität: Wer die Lehrmeinung bestimmt, kann damit die Machtverhältnisse in der Zukunft kontrollieren.

Was kann man nun tun? Zunächst mal muss Bildung wieder Top-Priorität werden. Das Schulsystem muss langsam mal raus aus dem Mittelalter und vernünftig modernisiert werden, mit deutlich mehr Geld, als bisher. Die Medien müssen weg von der Meinungsmache aus Eigeninteresse, hin zum Informationsauftrag. Hier ist Deutschland mit dem viel geschundenen GEZ-Medien allerdings schon gar nicht mal so schlecht aufgestellt. Nur manche freie Medien müssten mal etwas zur Verantwortung gezwungen werden.

Es wird sicher lange dauern, um hier Licht in Dunkeldeutschland zu bringen. Um die Demokratie langfristig zu sichern, bleibt uns aber glaube ich kein anderer Ansatz, als fundamental Weichen hin zum mündigen, aufgeklärten Bürger zu stellen.

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#6
15.11.2020
Crash Override Abwesend
Faust
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Beiträge: 12.945
Registriert seit: 10. Feb 2013

RE: Propaganda, Rede- und Religionsfreiheit
Was die Bildung angeht, müsse man die nicht nur Modernisieren, sondern auch - wie es im aktuellen Fall schon vorkommt - digitalisieren, das man in solchen Fällen nicht in eine Krise geraten, das Schulen nicht ihren Bildungsauftrag erfüllen können weil jene nicht über das Equipment verfügen, die Bildung an die Schüler weiterzugeben.

Viele Schulen haben das noch hinbekommen, aber die Mehrheit ist da leider immer noch darauf angewiesen, das die Schüler Physisch in den Klassenräumen sitzen. Ein weiterer Vorteil der Digitalisierung kann sein, das man "dual" verfahren kann - sprich: die, die keine Möglichkeit haben am digitalen Unterricht teilzunehmen (oder die an das "Teufelszeug" von Internet etc. nicht glauben oder sich das nicht leisten können) können witerhin die Schulen besuchen, während die anderen, die die digitale Version nutzen können, darüber dann am Unterricht teilnehmen können. Das hat auch in Pandemiezeiten den Vorteil das die Schüler weiterhin die Bildung bekommen können und das auch bei kleineren Physischen klassen, um z.b. Abstände in den Klassenräumen zu wahren.

Ebenso sollte man auch von "großen Klassen" Abschied nehmen - je Kleiner eine Klasse ist, umso individueller kann auf die Schüler eingegangen werden um sie zu fördern. Bei großen Klassen mit über 20 oder 25 Schülern ist das nur mit viel Aufwand möglich, bei nur etwa 15-16 Schülern max. kann man eher auf die einzelnen eingehen - auch wenn das aktuelle (mittelalterliche) Bildungssystem eher nur die "abfertigung" der Schüler vorsieht wie man es bisher kannte.

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#7
18.11.2020
Rechen666 Offline
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RE: Propaganda, Rede- und Religionsfreiheit
(15.11.2020)404compliant schrieb:  Die 5. Gewalt: Bildung. Mehr denn je muss das Volk in der Lage sein, die Vorgänge in der Welt zu verstehen und einzuschätzen. Um windige Lügen zu erkennen und verschiedene Positionen abzuwägen, braucht es grundlegende Bildung. Andernfalls drohen die Leute in Aberglauben und Verschwörungstheorien abzudriften. Der Niedergang des Bildungssystems ist daher eine der Hauptbedrohungen der Demokratie, insbesondere weil das viele Jahrzehnte nachwirkt. Genauso wichtig auch hier wieder die Neutralität: Wer die Lehrmeinung bestimmt, kann damit die Machtverhältnisse in der Zukunft kontrollieren.

Was kann man nun tun? Zunächst mal muss Bildung wieder Top-Priorität werden. Das Schulsystem muss langsam mal raus aus dem Mittelalter und vernünftig modernisiert werden, mit deutlich mehr Geld, als bisher.
Dabei stellen sich aber mehrere Fragen. Was wird gelehrt? Und wer lehrt? (bzw. welche Interessen hat der Lehrende) Der Jungbürger braucht einen Handwerkskasten von theoretischem Wissen, welches er nach Bedarf anwenden kann, d. h. er muss sich über seine Entscheidungen im Klaren sein. Eines der Hauptprobleme/Kritikpunkte einer Demokratie ist schließlich die dumme, (un-)gelenkte Masse. Damit geht auch der Wille zur Verantwortung für sich und andere einher, d. h. für die eigene Entscheidung (z. B. am Wahltag) vollste Verantwortung zu übernehmen, denn wer nicht willig ist für sein eigenes Handeln zu haften, der wird andere für sein Versagen schuldig machen und zwingend egoistisch entscheiden.
Angenommen wir haben einen perfekten jungen Bürger, der in sämtlichen Grundlagen ausgebildet ist, die es in einer Demokratie so braucht. Er hatte immer gute Noten in Sozialkunde-, Geschichts- und Politikunterricht, aber nach welchen Werten wird er entscheiden? Er ist sich im Klaren über die moralischen Fragen von Abtreibung, sowie der Geschichte des (National-)Sozialismus auf deutschem Boden, aber ist er der Überzeugung, dass er andere zu einem für sie völlig fremden/irrsinnigen Verhalten über den Wahlzettel zwingen darf? Und das ist aus meiner Sicht die entscheidende Frage. Es ist immer einfacher die Gesellschaft und damit auch sich selbst über die Wahlurne zu verändern als das eigene Leben selbst dem angestrebten Ideal anzupassen und vielleicht andere im Diskurs zu überzeugen.
Die Interessen des Lehrenden müssen auch Beachtung finden. Wenn wirtschaftliche Interessen über die der geistigen Entfaltung junger Menschen gestellt werden, werden wir zwingend immer wieder aufs Neue amorphe Generationen von Wählerschaften heranziehen. Schließlich braucht ja nicht jeder Abitur, sagt man. Wenn wir uns einmal die Situation in einer typischen Real- oder gar Hauptschule anschauen, kriegen wir ein desaströses Bild vor Augen geführt. Oft liegt der Fokus auf praktischem Unterricht, wie Werken oder Hauswirtschaft und es wird nicht genug auf die wichtigen Grundlagen eingegangen. Eine Ausbildung die "richtige" Entscheidung an der Wahlurne zu treffen kommt oft keinem der Schüler zuteil. Diese Bildungslücke wird sich auch nicht in der Berufsschule schließen, je 1x Sozialkunde und Ethikunterricht in der Woche sind schlichtweg nicht genug! Über das Wertegerüst dieser Leute möchte ich kaum sprechen.

Meiner Ansicht nach braucht es in einer Demokratie folgende Dinge:
1. Eine (größtenteils) in gleichem Maße gebildete Gesellschaft, welche in der Lage ist komplexe politische Zusammenhänge zu verstehen.
2. Bürger müssen im Geiste der Freiheit und persönlichen Verantwortung herangezogen werden. Ihnen muss bewusst sein, dass die Freiheit der Anderen genauso, wenn nicht wichtiger ist als die Eigene.
3. Sie müssen von Freiheit und Pluralismus soweit überzeugt sein, dass sie die Diskussion immer der Gewalt gegen Andersdenkende vorziehen. Sie müssen einen gesellschaftlichen Meinungspluralismus anstreben; wer von seiner gesamten Umgebung recht bekommt, aber von Filterblasen redet, ist ein heuchler.

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#8
18.11.2020
Mc Timsy Online
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RE: Propaganda, Rede- und Religionsfreiheit
404compliant schrieb:Ich tendiere dazu, dem Prinzip der Gewaltenteilung (Gesetzgebung, Regierung, Rechtsprechung) zwei weitere Gewalten hinzuzufügen, die zum Schutze der Demokratie zu Neutralität und Unabhängigkeit verpflichtet sein müssten.

Ich denke inhaltlich wollen wir auf das Selbe hinaus, aber ich möchte ein paar Einwände gegen die Idee anbringen, man könnte Medien und Bildung einfach in das Prinzip der Gewaltenteilung einordnen.

Erstmal zu den Medien: Eine Neutralitätsverpflichtung für Medien widerspricht dem Gedanken einer Pressefreiheit. Damit ist nicht nur Zensur gemeint, sondern der Gedanke hinter unabhängigen Medien und Pressestellen ist, dass ein reicher Multimillionär sich seinen eigenen Fernsehsender ebenso aufbauen kann, wie eine Gruppe Obdachloser im Rahmen eines Sozialprojektes ihre eigenen Positionen in einer "Obdachlosenzeitung" unterbringen darf. Jeder darf sich einen Blog erstellen wo über bestimmte Politikbereiche geredet wird und hat dort dann auch entsprechende Rechte für Moderation und Redaktion des Inhalts. Bei der Pressefreiheit geht es um den Ausdruck von Positionen, nicht um eine Garantie für alle individuellen Publikationen, sich nach einem irgendwie gearteten Neutralitätsgebot zu richten. Da hierbei auch die Umsetzung schwer wird, weil es schon unauflösbare Streitfragen über die Art gibt, wie genau "Neutralität" in Medien eigentlich auszusehen hätte, würde ich davon abraten die Medienlandschaft an diesem ziel überhaupt ausrichten zu wollen, sondern sich lieber bei der Ausbildung von Medienkompetenz auf den Umgang mit einer Medienwelt einzustellen, die unterschiedliche Biases aufweist.

Zur Bildung: Ich halte es für völlig unmöglich ein Konzept wie Gewaltenteilung auf den Bildungssektor anzuwenden. Lehrer müssen bezahlt, Bildungspläne verabschiedet und schlicht Gebäude unterhalten werden. Alles Schritte für die es die Stabilität der staatlichen Exekutive braucht. Und auch halte ich es nicht grundsätzlich für ein Problem, dass Bildungsfragen demokratischem Wettbewerb unterliegen. Die Antwort auf die Frage nach der besten Bildung ist nicht selten heute eine andere als in zehn Jahren und die Wunschliste gegenüber unserem Bildungspersonal wächst seit Jahren. Die sollen nicht nur alle möglichen Fachkenntnisse vermitteln und erste Anlaufstelle bei sozialen Problemen sein, sie sollen auch Defizite des Elternhauses aufholen und dabei natürlich neutral bleiben. Das sind zwar alles gute Ideale, aber wir verlangen im Grunde heute schon übermenschliches von manchem Lehrer da draußen.
Wenn ich allerdings wünsche äußern darf, ich bin absolut für kleinere Klassen! Das halte ich tatsächlich für die potentiell wichtigste Sache, damit die Lehrer überhaupt eine Chance haben all die Aufgaben zu erfüllen, die wir als Gesellschaft aufgetragen haben. Wenn ich dann an meine eigene Schulzeit zurückdenke kommen mir dann drei Gedanken.
Erstens. Ich hatte Unterricht zu Themen wie Medienkompetenz und Propaganda. Dazu gehörten detaillierte Analysen von Politikerreden, einschließlich Goebbels Sportpalastrede und anschließende Diskussionen über den Inhalt. Ansonsten sind wir auch Zeitungen und Fernsehbeiträge durchgegangen, wie sie sich unterscheiden, welche Informationsunterschiede zur selben Geschichte in unterschiedlichen Medien vorlagen und wir hatten einmal auch als Hausaufgabe uns zwei Zeitungen herauszusuchen, Artikel zu lesen und nachher in der Klasse zu begründen, wie und warum wir die politische Ausrichtung dieser Publikationen einschätzten. Insgesamt nur wenige Wochenstunden meiner gesamten Schulkarriere, aber ich habe sie als extrem hilfreich in Erinnerung behalten. Bedauerlicherweise war meine Schule damit wohl recht alleine, wenn ich meine Gespräche mit anderen Menschen bedenke.
Zweitens: Flexibilisierung der Lehre. Um es ganz kurz zusammenzufassen, es ergibt keinen Sinn einen Schüler, der jahrelang in Englisch eine fünf nach der anderen geschrieben hat in der Oberstufe mit Stoff für die Oberstufe zu konfrontieren, wenn die Lücken irgendwo im Zweitraum der siebten bis neunten Klasse entstanden sind. Idealerweise könnte die Schule in solchen Fällen entweder lieber "Nachkurse" anbieten, die helfen solche Lücken zu stopfen, oder dem Schüler einfach ermöglichen die Zeit mit Fächern zu verbringen wo eine Vertiefung tatsächlich Sinn ergibt. Da sind wir allerdings wieder bei kleineren Klassen und dem notwendigen Lehrpersonal.
Drittens: Als politisch interessierter Mensch muss ich immer wieder feststellen, dass das Verständnis politischer Abläufe bei den meisten Menschen völlig unzureichend ist. Ich halte es aber nach persönlicher Erfahrung für eine wichtige Waffe im Kampf gegen Fehlinformation. Wer versteht wie Entscheidungen getroffen werden, kann sich wesentlich besser zum Ausdruck bringen, als jemand der nur wieder auf "die da oben" schimpft. Vielleicht müsste das für die Schüler irgendwie näher erfahrbar gemacht werden. Wenn die Schule es schaffen würde, beispielsweise anhand lokaler, kommunalpolitischer Themen Diskussionen unter den Schülern anzuheizen und die Auseinandersetzung damit zu fördern, warum der alte Spielplatz jetzt renoviert, oder das Schwimmbad geschlossen wird, vielleicht hätte derartige Auseinandersetzung allgemein einen Vorteil bei den Schülern, die vielleicht besser in der Lage wären sich mit gesellschaftlichen Themen zu befassen. Nur so ein Gedanke.

Den Wind können wir nicht bestimmen, aber die Segel richtig setzen.
- Lucius Annaeus Seneca -
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#9
18.11.2020
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RE: Propaganda, Rede- und Religionsfreiheit
zum Thema kleinerer klassen will ich da (da ich das ja auch als solches schon befürwortet habe) drauf hinweisen, das man wegen "zu wenig besuch" an manchen Standorten die Schulen geschlossen und mehrere zusammengelegt hatte - also genau das gegenteil zu dem, was hier einige eher Befürworten - und in der aktuellen Pandemiezeit sogar hilfreicher gewesen wäre, da man damit die Klassengrößen und auch das Infektionsgeschehen etwas unter kontrolle halten kann.

@Mctimsy: das einzige in der richtung, was bei mir an der Schule war, war "hin und wieder" das anhören von Nachrichten - Speziell des Deutschlandfunks (dafür hatten wir sogar ein Röhrenradio im klassenzimmer stehen), um u.a. auch in einigen wenigen Wochenstunden über die "medien" zu diskutieren und ggf. auch zu lernen, wie diese funktionieren. Politik, oder wie die funktioniert, wurde da nur angekratzt - wie wohl warscheinlich überall woanders auch. Daher kann ich für mich sagen, das ich mich inzwischen eher schwer tue deren Aussagen zu verstehen oder auch, "warum sie das machen was sie tun". Vielleicht sähe das anders aus, wenn man den Stoff dafür so vermitteln hätte können, das er auch interessant wirkt. denn: durch diese "medien-stunden", die hin und wieder (und auch nur für eine bestimmte zeit!) der fall waren, kann ich irgendwie diesen Radiosender nicht mehr ertragen... der wirkt für mich wie in den '50ern oder '60ern Stehengeblieben, anstelle ansprechend zu wirken wie z.b. hier im Süd-Westlichen Raum der Sender "Swr", welcher wenigstens mit verschiedenen (auch lokalen!) Studios versucht, eine breite Kundschaft anzusprechen.

dieser "fade" geschmack kann da auch sowas wie eine abneigung bringen, da es nciht interessant wirkt - besonders dann, wenn man den Stoff dafür nur "in die Schüler reinprügelt", weil's eben im Lehrplan Steht.

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#10
18.11.2020
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RE: Propaganda, Rede- und Religionsfreiheit
(18.11.2020)Mc Timsy schrieb:  Erstmal zu den Medien: Eine Neutralitätsverpflichtung für Medien widerspricht dem Gedanken einer Pressefreiheit. Damit ist nicht nur Zensur gemeint, sondern der Gedanke hinter unabhängigen Medien und Pressestellen ist, dass ein reicher Multimillionär sich seinen eigenen Fernsehsender ebenso aufbauen kann, wie eine Gruppe Obdachloser im Rahmen eines Sozialprojektes ihre eigenen Positionen in einer "Obdachlosenzeitung" unterbringen darf.

Theoretisch schön und gut, und dennoch geht von der Meinungsmache übermächtiger Medien eine erhebliche Gefahr aus. Siehe z.B. Berlusconi und Forza Italia, Fox News und Trump, und auch unser eigenes Fake News Magazin, die Bild, kann alles behaupten ohne Rot zu werden, und zu viele glauben es bedingungslos. Medien-Großkonzerne neigen dazu, die eigene Verbreitung und die Werbekunden über die Neutralität und Wahrheit zu erheben, und haben absolut die Macht, Herrscher zu krönen und zu stürzen.

(18.11.2020)Mc Timsy schrieb:  Lehrer müssen bezahlt, Bildungspläne verabschiedet und schlicht Gebäude unterhalten werden. Alles Schritte für die es die Stabilität der staatlichen Exekutive braucht.

Ganz unmöglich ist es nicht, als Beispiel sei wieder der öffentliche Rundfunk benannt: Unabhängig finanziert, und nicht staatlich kontrolliert. Diese Konstruktion wurde nach dem Krieg nicht zuletzt deswegen gewählt, weil die staatlichen Propaganda-Medien eine nicht unerhebliche Mitschuld am Dritten Reich hatten.

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#11
18.11.2020
Mc Timsy Online
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RE: Propaganda, Rede- und Religionsfreiheit
404compliant schrieb:Medien-Großkonzerne neigen dazu, die eigene Verbreitung und die Werbekunden über die Neutralität und Wahrheit zu erheben, und haben absolut die Macht, Herrscher zu krönen und zu stürzen.

Absolut. Das Problem bleibt nur bestehen, dass derartige Eingriffe in die Pressefreiheit automatisch einen Schneeballeffekt erzeugen können, der die Bedeutung der Pressefreiheit umgehend untergräbt. Das fängt bei der Frage an welche Publikationen jetzt eigentlich "Neutral" sein müssen und wie sich eine solche Neutralität dann bemerkbar macht. Ist es Neutral das Medium dazu zu zwingen eine Gegenmeinung gleichberechtigt gegenüberzustellen, auch wenn die Gegenmeinung vielleicht kompletter Schwachsinn ist? Müssen sich alle Publikationen stattdessen wertneutral ausdrücken? Wenn ja, was ist eigentlich wertneutrale Sprache und ergibt sie überhaupt immer Sinn? Wie groß oder klein soll ein Medium sein, welches zur Neutralität verpflichtet wird? Und wenn das am Ende dann keiner mehr lesen will, wer bezahlt das alles dann?
Deshalb plädiere ich dafür, die Voraussetzungen bei den Presseproduzenten nicht zum Hauptziel zu machen, sondern stattdessen auf die Ausbildung der Medienkompetenz zu setzen. Phänomene wie Fox News sind wirklich nicht schön und auch nicht gesund für die Demokratie, ich glaube aber, dass, so lange wir keinen vollkommen freien Medienmarkt haben, sondern die Öffentlich Rechtlichen weiterhin unterhalten, wir damit eine effektivere und weniger risikobeladene Waffe gegen solche Auswüchse haben, als mit der Zwangsverpflichtung auf ein Konzept unter dem die Menschen grundverschiedene Sachen verstehen.

404compliant schrieb:Ganz unmöglich ist es nicht, als Beispiel sei wieder der öffentliche Rundfunk benannt: Unabhängig finanziert, und nicht staatlich kontrolliert. Diese Konstruktion wurde nach dem Krieg nicht zuletzt deswegen gewählt, weil die staatlichen Propaganda-Medien eine nicht unerhebliche Mitschuld am Dritten Reich hatten.
Den Öffentlich Rechtlichen Medien wird allerdings schon nicht nur Propaganda von diversen Leuten nachgesagt, die sich davon nicht repräsentiert fühlen. Die ganze Sache ist ein enormer politischer Streitfall, weil beispielsweise Sendeanstalten unterschiedlich verteilt sind. Manch einer mag die Tagesschau und Dokumentationen, sieht aber nicht ein warum wir alle eigentlich für Rosamunde Pilcher Verfilmungen oder das Traumschiff bezahlen sollen. Und bei einem Öffentlich rechtlichen Bildungsdienstleister kommt dann eine weitere Komponente dazu. Wir alle müssten für diesen Dienst bezahlen wie für die Medien, aber wir sind nicht verpflichtet die Medien dann auch zu konsumieren. Wegen der Schulpflicht kann aber niemand den Konsum des Bildungsdienstleisters verweigern. Das ist eine erhebliche Macht für einen Anbieter auf den dann weder die Politiker, noch die Eltern wirklich Einfluss haben, bei einem System, welches gerne mal zur Ineffizienz neigt und das sage ich als ein großer Freund Öffentlich Rechtlicher Medien.
Wenn du bei einer politisierten Bildungspolitik Änderung wünschst, weil du bessere Lehrmethoden, oder neue Themenschwerpunkte etablieren willst, dann ist das aktuell über eine landespolitische Beteiligung möglich. Bei einem ÖR Bildungssystem sitzt du erstmal da. Politiker können Druck ausüben, aber kaum direkt eingreifen. Statt einem möglichen öffentlichen Diskurs und einer Legitimation durch Wahl, hast du dann irgendein Gremium, welches die Entscheidung trifft und letztlich niemandem direkt Rechenschaft schuldig ist.
Ein Blick auf die Öffentlich Rechtliche BBC zeigt dabei die Gefahr. Die haben ihren Journalisten vor kurzem verboten öffentlich Stellung zu beziehen zu "kontroversen Themen". Was interessanterweise jetzt nur progressive Interessen beinhaltet, wie beispielsweise die Teilnahme an LGBTQ Demonstrationen. Der Intendant hat gewechselt und die Öffentlichkeit hat die Änderungen grundsätzlich zu akzeptieren. Der Intendant geht nämlich nirgendwo hin in den nächsten Jahren und entscheidet jetzt maßgeblich, was Leute bei der BBC tuen und sagen dürfen und welche Programme laufen. Stell dir eine solche Personalentwicklung vor im Bildungssystem, bei dem dann eine Hand voll Personen alleine entscheidet, welche Informationen unsere Kinder in der Schule vorfinden und welche Themen sie wie genau durchnehmen müssen. Die Rufe nach einer politischen Entscheidung gegen ein solches System werden vermutlich nicht lange auf sich warten lassen.

Den Wind können wir nicht bestimmen, aber die Segel richtig setzen.
- Lucius Annaeus Seneca -
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#12
23.11.2020
Luvbread Offline
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RE: Propaganda, Rede- und Religionsfreiheit
Das mit der Einschränkung des Wahlrechtes hatten wir im Verlauf der Geschichte bereits öfter.. wie war das Zitat nochmal?

„Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen - abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind“

Man wird die Leute nicht dazu zwingen können, sich zu ändern. Hierzu braucht es etwas mehr Anstrengung als eine Wahlzulassung. ._.
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